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19.04.2021

Leidenschaft für Glas! Farbige Glasflitter des 18. Jh. aus der Linck-Sammlung

Von Anne Rannefeld, Freiberg

 

Bewährtes Team: Waldenburg und Freiberg

Mit wenigen Einrichtungen verbindet das Naturalienkabinett seit Jahren so viel hingebungsvolle Tüftelei und Forschungsdrang wie mit der Bergakademie Freiberg. Als Studentin der TU Bergakademie Freiberg im Fach Geologie/Mineralogie hatte ich dadurch die Möglichkeit für meine Bachelorarbeit ein ganz besonderes Forschungsprojekt zu bearbeiten: historisches, buntes Glas. Insofern standen mir die Türen offen, als ich meine Bachelorarbeit einem ganz besonderen Forschungsprojekt widmete: historischem, bunten Glas.

Das Naturalienkabinett Waldenburg bewahrt bis heute die umfangreiche Naturalien- und Kuriositätensammlung der Apothekerfamilie Linck des 18. Jahrhunderts auf. Über drei Generationen hinweg wurde die Sammlung erweitert, immer mit dem typischen Gedanken des Barock, das Wissen der ganzen Welt in einer Schublade zu vereinen. Da nicht alle Stücke dieser vielfältigen Sammlung ausgestellt werden können, verbergen sich auch im Depotbereich noch Schätze. Neben erstaunlichen Präparaten oder Mineralen sind darunter auch weniger bekannte Stücke. Zu Ihnen gehören die dünnen verschiedenfarbigen Glasflitter aus der Linck-Sammlung, die unzugänglich für Besucher im Verborgenen aufbewahrt werden. In einer Schublade in neun deckellosen Schachteln funkeln sie einen förmlich an: transparente Flitter aus Glas, mal farblos, sonst in rot, grün, gelb, braun sowie in je zwei gold-braunen oder blauen Nuancen. In dem detailierten Katalog aller enthaltenen Sammlungsstücke, dem Index Musaei Linckiani von 1786, wurden die Glasflitter nur über wenige Zeilen erwähnt. Beschrieben werden sie dort als „Glasflüsse in Blättern: zweierlei rotes, gelbes, goldfarbenes, blaues, braunes, grünes und weißes". Obwohl die Auflistung nicht exakt mit den vorhandenen Flittern übereinstimmt, war dies der einzige Hinweis. In einem Verzeichnis von 1934 von Alfred Seifert, der die Waldenburger Sammlung in den 1930er Jahren neu ordnete und untersuchte,  werden die Flitter gar nicht aufgeführt.

 

Moderne Naturwissenschaft trifft Barock

Was hat es also mit den kleinen Flittern auf sich, mit ihrem Alter, ihrer Herkunft und ihrem Nutzen? Um diese Gläser erstmals genauer beschreiben zu können, brauchte es nicht weniger als naturwissenschaftliche Methoden, die vor allem dem Verständnis der genutzten Pigmente galten. Sie geben am Sichersten Anhaltspunkte über das Alter der Flitter, sowie Lichtmikroskopie, UV-VIS-Spektroskopie und Raman-Spektroskopie. Aus jeder Kiste wurden fünf bis sechs Flitter entnommen, um sie für die Analysen vorzubereiten. In einem Ultraschallbad wurden oberflächliche Verunreinigungen entfernt. Die gereinigten Flitter strahlten umgehend mit einer deutlich intensiveren Farbe. Besonders deutlich war dieser Unterschied bei zunächst grauen Flittern sichtbar, die sich nach der Reinigung als farblos entpuppten. Die Optik spielte natürlich nur eine untergeordnete Rolle, denn die Reinigung diente vor allem der höheren Messgenauigkeit. Unter einem Polarisationsmikroskop wurden die Flitter mit 10-facher Vergrößerung betrachtet.  Auf mehreren Flittern waren längliche, parallele Blasen und gerade Linien zu erkennen. Solche Abdrücke können bei den Formgebungsprozessen wie Blasen oder Walzen entstehen. Um dünne Flitter herzustellen, wird ein Glastropfen, der sogenannte Posten, mit der Glasmacherpfeife aufgewickelt und geblasen. Anfangs rundliche Blasen bilden dann eine langgestreckte Form aus. Über einige Gläser erstrecken sich verästelte Strukturen. Sie zu deuten ist nicht immer einfach. Manchmal entstammen sie der Herstellungstechnik, hier dürften sie aber durch jahrelange Korrosion entstanden sein. Und auch die Wissenschaft hinterlässt buchstäblich Spuren: Gitterartige Strukturen stellten sich als Abdrücke des Trocknungssiebes nach der Reinigung heraus. Die Seitenansicht eines Flitters zeigt außerdem, dass das Glas gleichmäßig durchgefärbt ist, also keine Farbbeschichtung besitzt.

 

Kobalt, Kupfer, Wismut – was Elemente verraten

Die UV-VIS Spektroskopie ermöglichte schließlich die Bestimmung der färbenden Ionen im Glas. Das Ergebnis war eindeutig: Typische Färbemittel des 18. Jahrhunderts wie Kobalt für blaue, Kupfer für rote oder grüne und Eisen-Mangan-Komplexe für braune Flitter sind bei der Herstellung verwendet worden. Die farblosen Flitter zeigten keinerlei färbende Ionen auf. Eine Besonderheit waren die gelben Flitter, denn gelb-färbende Ionen waren im 18. Jh.  noch nicht bekannt. Vermutlich wurden diesen Flittern geringe Mengen Eisen zugesetzt. Mit Raman-Mikro-Spektroskopie und massenspektroskopischen Untersuchungsmethoden konnte der Glastyp ermittelt werden. Da bei diesen Methoden die verwendete Probe zerstört wird, wurde für jede Analyse ein anderer Flitter verwendet. Die blauen und farblosen Flitter zeigten Siliziumoxid als Hauptbestandteil und hohe Anteile an Natriumoxid und Calziumoxid. Diese werden Kalk-Natron-Gläser genannt. Zudem konnte in den blauen Flittern Wismut nachgewiesen werden. Vielleicht der wichtigste Hinweis, denn Wismut wurde als Nebenelement beim Kobaltabbau aus dem Erzgebirge (Bi-Co-Ni-Lagerstätten) gewonnen. Demnach ist für die blau färbenden Ionen eine solch nahgelegene Herkunft denkbar– wie überhaupt die Sammlung der Lincks zahlreiche Bezüge zum sächsischen Erzgebirge aufweist. Bei den grünen und gelben Flittern konnten über 50% Bleioxid und erhöhte Mengen Siliziumoxid gemessen werden, sogenannte Bleisilikatgläser. Bei den roten und gold/braunen Flittern wurden überraschend beide Glastypen gemessen obwohl farblich keine Unterschiede zu erkennen waren. Hauptsächlich zeigten die Flitter Kalk-Natron- und Bleisilikatgläser mit gleichbleibenden Zusammensetzungen auf. Nur eine Messung eines gelben Flitters konnte keinem Glastypen zugordnet werden. Wahrscheinlich zeigte dieser starke Korrosionserscheinungen.

 

(Fast) des Rätsels Lösung…

Den Geheimnissen um die Farbkraft und die Herkunft der dünnen Gläser war also beizukommen. Offen bleibt jedoch immer noch ihre ursprüngliche Verwendung. Die Vermutungen gehen derzeit in alle Richtungen, vor allem zu Kunstobjekten. Französische Radschlosspistolen des 16. Jahrhunderts aus der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden enthalten zum Beispiel Flitter aus Glas und anderen Materialien im Lack, machten die Kunstwerke prunkvoller, edel, besonders. Wäre eine solch dekorative Nutzung auch für die Linckschen Flitter denkbar? Oder muss man ganz anders denken? In der Naturaliensammlung des berühmten Chemikers am Queens College in Cambridge, John Francis Vigani, sind ebenfalls dünne Glasflitter des 18. Jh. erhalten. Diese dienten dem Professor nachweislich als Unterrichtsmaterial. Gelagert wurden diese zusammen mit Pigmenten in ebenfalls offenen Schachteln. Auch als Apotheker zu dieser Zeit könnte eine wissenschaftliche Verwendung denkbar gewesen sein. Waren die vermischten Glastypen Zufall oder wurden sie mit Absicht vermischt?

Solche Fragen lassen sich wohl nur noch in größeren vergleichenden Projekten beantworten. Umfangreichere Messungen, etwa um die genaue Verteilung der Glastypen bestimmen zu können, waren in der Bachelorarbeit zwar nicht möglich. Eine Inspiration für folgende Arbeiten ist aber zweifellos gegeben. Als völlig unterschätztes Sammlungshighlight könnten die Glasflitter noch viele Geheimnisse in sich bergen.

 

Die Autorin

Anne Rannefeld (23), gebürtig aus Köthen in Sachsen-Anhalt, lebt in Freiberg. Nach dem Bachelor über die barocken Glasflitter der Linck-Sammlung schließt sie an der TU Bergakademie Freiberg  ihren Master in Geowissenschaften an. 

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