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13.08.2021

Umfangreiches Waldenburger Forschungsprojekt zur ethnografischen Sammlung gestartet

Interview mit dem Provenienzforscher Dr. Lutz Mükke

 

Herr Mükke, Sie sind gebürtig aus dem sächsischen Döbeln und haben sich beruflich als Afrikanist und Journalist etabliert, der seit vielen Jahren die Debatten um die Restitution afrikanischer Kulturgüter aufmerksam beobachtet und international dazu publiziert. Wie kam es zu diesem Werdegang und zu Ihrem Interesse an Afrika?

Wie Millionen Ostdeutsche verlor ich nach dem Mauerfall ziemlich schnell meinen Job. Damals arbeitete ich als Intarsienschneider-Geselle in einer kleinen Zwickauer Werkstatt. Bei der Entlassung heulte meine Meisterin und ich hatte weiche Knie. Aber in den Skat gedrückt. Ich war jung, gesund, unbekümmert. Die Wende kam für mich zur richtigen Zeit. Plötzlich war die Welt auch Richtung Westen, Süden und Norden offen. Nach einem Zwischenstopp als Hilfsarbeiter in Bayern sollte es eigentlich nach Australien gehen. Weil dafür aber das Geld nicht reichte, trampten ein Freund und ich 1991 kreuz und quer durch Afrika. Diese Reise war in vielfacher Hinsicht eine Initiation, eine Offenbarung. Sie prägte mein Leben. Wir gerieten in Aufmärsche militanter Islamisten in Algerien, in Generalstreiks in Kamerun, Putschversuche in Zaire, sahen abgebrannte Kirchen und Moscheen in Nigeria... Das Ende des Kalten Krieges löste auch in Afrika gewaltige Eruptionen aus, nur etwas zeitversetzt zu Europa.

Dieser Reise folgten weitere, auf allen Kontinenten. Afrika aber liess mich nicht mehr los. Ich holte Mitte der 1990er Jahre mein Abi nach und studierte anschließend Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Kampala, Uganda. Prägende Professoren waren Robert Kappel, Adam Jones und Siegfried Schmidt. Für meine Doktorarbeit forschte ich später unter anderem in Südafrika und Kenia. Sie trägt übrigens den Titel “Journalisten der Finsternis”, in Anlehnung an Joseph Conrad, und analysiert die fragwürdigen Strukturen unserer Massenmedien, die zu jener oft lächerlich oberflächlichen Afrika-Berichterstattung führen, die man so serviert bekommt. Ich arbeitete auch selbst als Reporter vor allen in Krisen- und Kriegsgebieten wie Südsudan, Ostkongo, Somalia, Nigeria, Niger, Mali oder Afghanistan. Meine Reportagen erschienen beispielsweise in DIE ZEIT, der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen Zeitung, auf Phoenix und in anerkannten Qualitätsmedien in Frankreich, Italien, den Niederlanden, Südafrika, Nigeria... Mehrfach brachte ich afrikanisch-europäische Rechercheteams zusammen, um in Langzeitprojekten beispielsweise zu illegalem Kunsthandel in Westafrika oder zu Raubgut in europäischen und nordamerikanischen Museen zu recherchieren, u.a. zu den Benin-Bronzen. Wir haben diese Themen auf die internationale Agenda gehoben, bevor sie en vouge wurden.

 

Sie erforschen seit Juni 2021 am Museum – Naturalienkabinett in Waldenburg die Provenienzen von ca. 150 Objekten, vornehmlich aus Afrika, aber auch aus Asien. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Es erlaubt mir, mit einem Lebensthema in einer Art und Weise am Ball zu bleiben, die meinem Qualitätsbegriff von Arbeit entspricht. Ich versuche herauszufinden, woher die ethnografischen Objekte stammen und wie sie nach Waldenburg gekommen sind. Dazu steige ich in Archive, lese verstaubte, alte Akten, neueste Wissenschaftsliteratur und kommuniziere mit Experten weltweit. Eine wunderbare Arbeit! Ein Privileg. Dabei hilft mir meine jahrzehntelang erarbeitete Expertise, zu der auch ein dichtes internationales Kontaktnetzwerk gehört.

 

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, eine Institution des Bundes mit Sitz in Magdeburg, fördert das Projekt. Worum geht es genau?

Die Familien derer von Schönburg-Waldenburg haben über 100 Jahre ethnografische Objekte aus mehreren Kontinenten zusammengetragen, kauften sie an, bekamen sie geschenkt. Das geschah während der Kolonialzeit und evangelische Missionsgesellschaften spielten dabei offenbar eine tragende Rolle. Mein Forschungsauftrag steht eng in Verbindung mit den derzeit wissenschaftlich, politisch und populär geführten weltweiten Debatten zur Aufarbeitung der Kolonialzeit. Dabei geht es auch um die Heilung schlimmer historischer Wunden und um Aufklärung. In Deutschland kann man diesen Diskurs am deutlichsten anhand der Auseinandersetzungen um das Berliner Humboldt-Forum verfolgen.

 

Wenn von Provenienzforschung zum Kolonialen Erbe gesprochen wird, folgt ja oft der Verweis auf das Humboldt-Forum in Berlin, das vor Kurzem seine Tore geöffnet hat. Berührt Ihre Forschung den kritischen Diskurs, der sich um das Berliner Museum entsponnen hat oder stellen sich hier im ländlichen Raum andere Fragen?

Waldenburg wird von diesem Diskurs nicht nur berührt, sondern ist mit diesem Forschungsprojekt mittendrin. In den Sammlungen der großen urbanen Zentren wie im ländlichen Raum stellen sich ähnliche Fragen. Auch in Waldenburg können wir über die Sammlung wie durch ein Schlüsselloch in die Geschichte zurückblicken und Erkenntnisse daraus gewinnen – über die Rolle der Kirchen und der Mission im Kolonialismus, über die Rolle von Museen und die des Hauses Schönburg-Waldenburg in diesen historischen Prozessen. Die Frage nach der Provenienz, danach, woher und wie die Objekte nach Waldenburg gekommen sind, eröffnet diese Horizonte.

Mit Weitblick angeschoben hat dieses Projekt übrigens Fanny Stoye, die Leiterin des Museums. Waldenburg gewinnt mit dieser Forschungsarbeit wieder stärker Anschluss an den nationalen und internationalen Diskurs. Ein Aspekt davon ist beispielsweise, dass wir die Sammlungsobjekte fotografieren und für jedermann zugängig im Internet veröffentlichen. Durch die digitale Revolution, durch den immer stärker werdenden globalen wirtschaftlichen, kulturellen und akademischen Austausch rückt die Menschheit enger zusammen. Die lange Zeit sich selbst genügende westliche Museumswelt justiert sich gerade neu. Man beginnt stärker als je zuvor in Dialoge mit den Herkunftsgesellschaften ihrer Ausstellungsobjekte zu treten. Diese Abstimmungsprozesse verlaufen freilich manchmal konfliktreich. Denn die Perspektiven und Narrative klaffen gewaltig auseinander.

Ein Beispiel: Vor der Corona-Krise besuchte ich das Metropolitan Museum of Art, The Met, in New York. Dort befinden sich weltweit einmalige ethnografische Sammlungen. Jedes Jahr strömen Millionen Besucher durch die Hallen und Säle. Die Met stellt auch eine der weltweit wichtigsten Sammlungen von Benin-Bronzen aus. Toll in Szene gesetzt liest man in den Ausstellungsräumen über die Kunst, Kultur und Religion des Königreichs Benin. Bemerkenswert ist dabei aber vor allem, was verschwiegen wurde: Beispielsweise, dass das Königshaus Benin* seine Kunstschätze zurückfordert. Und zwar mit großer Ausdauer seit mehr als hundert Jahren. Denn sie wurden 1897 während einer gnadenlosen Militär-Invasion von der britischen Royal Navy geplündert. An den Benin-Bronzen klebt aber nicht „nur“ das Blut der damaligen „Strafexpedition“, die das Königreich Benin in Schutt und Asche legte. Sondern die Bronzen sind über die Jahrzehnte hinweg in Afrika zu einem Symbol für die postkoloniale Ignoranz des Nordens geworden. Was meinen Sie, wie solch folkloristische Verschweige-Ausstellungen auf Besucher aus Nigeria, Afrika oder der weltweiten afrikanischen Diaspora wirken?

Der größere Kontext: Afrika ist nie der geschichtslose, unzivilisierte und barbarische Kontinent gewesen, wie ihn Kolonial- und Rassenwahn gebrandmarkt haben. Viel zu lange hat Propaganda verschiedenster Art vergiftete Stereotype ins (Unter)Bewusstsein der Völker injiziert, um auf die ein oder andere Weise daraus wirtschaftlichen, imperialen oder kulturellen Nutzen zu ziehen. Museen sind wichtige Bildungs- und Kultureinrichtungen und haben dementsprechend große Verantwortung, solche Narrative nicht zu reproduzieren. Sie sollten aufklären, ihre Ausstellungen in neue Erkenntniskontexte, Diskurse und Dialoge einbringen und zur Völkerverständigung beitragen. Toll, dass sich Waldenburg an dieser Stelle engagiert. Die Bundesregierung unterstützt diesen Diskurs, fördert auch das Waldenburger Forschungsprojekt oder auch die Rückgabegespräche über die geraubten Benin-Bronzen, von denen etwa 1.000 in deutschen Museen lagern. Das sind insgesamt positive Entwicklungen.

 

Haben Sie ein Objekt in der Sammlung des Naturalienkabinetts, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Ja, sogar zwei. In Waldenburg finden sich etliche spannende Objekte. Es sind, soweit ich momentan sehe, zwar keine darunter, die so großen materiellen Wert haben wie beispielsweise die Benin-Bronzen. Der 1897 geraubte Benin-Schatz, 4.500 bis 6.000 Metallplastiken, Schnitzereien und Terrakotten, dürfte heute zirka 1 Milliarde Euro wert sein. Doch unter den zirka 150 Waldenburger Objekten, die ich untersuche, haben viele ideellen Wert und die Geschichte hinter den Stücken, die Kontextforschung, ist enorm spannend und wichtig - für Waldenburg und die Entwicklung der hiesigen Ausstellung aber auch weit darüber hinaus. Unter den Objekten selbst gibt es Plastiken von Afrikanern, Masai-Schmuck, Speere, Schilde, Löffel, Schalen, ägyptische Mumien, chinesische Frauenschuhe und vieles mehr. Sie stammen unter anderem aus Tansania, Südafrika, China und Neuseeland. Doch zurück zu Ihrer Frage: Neben einigen Plastiken aus Ostafrika und zwei Amphoren aus der Kabylei liegen mir besonders zwei unscheinbare, alte Münzen am Herzen. Über die beiden kleinen Geldstücke, kann man atemberaubende Geschichten über Nordafrika erfahren. – Gern erzähle ich sie Ihnen, wenn wir uns im Museum begegnen. Am 18. September, 14 Uhr, laden wir zum Museumsgespräch ins Naturalienkabinet nach Waldenburg ein.


*Das Königreich Benin liegt im Süden Nigerias und ist nicht mit dem Staat Benin zu verwechseln. Das Könighaus Benin gehört zum westafrikanischen Hochadel.

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