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Die Pflanze im Design um 1900: Der Kunstreformer Moritz Meurer

Seit 1943 befindet sich im Besitz der Stadt Waldenburg der Nachlass des Waldenburger Kunstgewerbelehrers und Kunstreformers Moritz Meurer (1839–1916). Meurer darf als ein heute zu Unrecht eher unbekannter Protagonist einer kunstgewerblichen Reformbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelten. Ein von ihm entwickelter Ansatz des Studiums der Pflanzenformen und ihrer Tektonik als Grundlage für das zeitgenössische Kunstgewerbe und Design wurde im Deutschen Kaiserreich etwa in der Kunstgewerbeschule Berlin implementiert und für die Kunstgewerbeschule Dresden diskutiert. Sein grafischer und malerischer Nachlass mit Zeugnissen seines privaten künstlerischen Schaffens, vor allem aber zu Entwicklung seines Lehrmaterials umfasst ca. 6.000 Verzeichnungseinheiten. Mit Hilfe renommierter Kooperationspartnern soll dieser Nachlass fortlaufend restauriert, wissenschaftlich erschlossen und langfristig öffentlich zugänglich werden. 

Schwerpunkte bei der Aufarbeitung des Nachlasses bilden der künstlerische Werdegang des Kunstreformers, die Rekonstruktion seiner frühen Schaffensphase im Historismus sowie sein Netzwerk aus Geistes- und Naturwissenschaftlern, Pädagogen, Architekten, Künstlern, Kunstkritikern und Gewerbereformern. 

Der Nachlass Moritz Meurers: Vom Ankauf 1943 bis heute

1943 erwarb die Stadt Waldenburg den Nachlass von der Witwe des Künstlers, Giselda Mona Meurer, die ihren Wohnsitz in Rom hatte. Neben dem langjährigen Engagement des Waldenburger Bürgermeisters Kurt Schmidt um den Künstlernachlass kamen entscheidene Impulse direkt aus Rom: Der Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Rom und SS-General, Hans-Georg von Mackensen (1883-1947), schätzte den Nachlass als schützenswertes "deutsches Kulturgut" ein, das in die Töpferstadt "zurückgeführt" werden müsse. Nach Gesprächen mit Giselda Meurer stimmte diese schließlich der Kombination aus Verkauf und teilweiser Schenkung des Nachlasses an Waldenburg zu. Eine Begutachtung des Nachlasses durch den italienischen Kunsthistoriker Frederico Hermanin von Reichenberg (1868-1953) ergab einen Wert von knapp 7.000 Reichsmark, den die Töpferstadt alleine nicht aufbringen konnte. Wiederum half die Deutsche Botschaft in Rom bei den Kosten für den Ankauf als auch für den Transport des Nachlasses bis nach Waldenburg. 

Noch 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, war es erklärtes Ziel des Bürgermeisters, den gesamten Nachlass im Ostflügel des Marstalles dauerhaft auszustellen, um einen überregional bedeutenden kulturellen Anziehungspunkt zu entwickeln. Mit Kriegsende 1945 zerschlugen sich diese Pläne und der Nachlass wurde magaziniert, offensichtlich unter ungünstigen Lagerbedingungen. Knapp 75 Jahre später, im Jahr 2020, wurde der Nachlass erstmals systematisch auf Schäden hin gesichtet und eine erste Restaurierungsphase eingeleitet. Damit einher ging auch eine Neubewertung des kunsthistorischen Wertes des Nachlasses und das Bemühen um eine wissenschaftliche Aufarbeitung. 

Die Lehrmethode Meurers und sein (Design-)Netzwerk

Meurer lernte bei den bedeutenden Künstlern Ferdinand Ludwig Schnorr von Carolsfeld (1788-1853) und Ludwig Richter (1803-1884) in Dresden. Bis 1883 war der ausgebildete Dekorationsmaler als Lehrer an der Kunstgewerbeschule Berlin für die Bereiche Dekorationsmalerei und Flachornamentik tätig und wirkte damit in der Hochphase des Deutschen Historismus. Zahlreiche seiner Wettbewerbsentwürfe für Innenraumgestaltungen, aber auch Publikationen etwa zur Ornamentik auf italienischer Majolica der Renaissace zeugen eindrücklich davon.  

Später verlegte Meurer seinen Wohnsitz nach Rom und bereiste Italien, Griechenland und Ägypten. Für den in eine Krise geratenen Kunstgewerbeunterricht, der noch dem sklavischen Kopieren historistischer Ornamente verhaftet war, entwickelte er ein neues Lehrkonzept: Im Zentrum stand das wissenschaftliche Studium lebender Pflanzen und stark vergrößerter Pflanzenteile sowie Pflanzenornamente auf und an antiken Kunstwerken. Zu diesem Zweck nutzte Meurer nicht nur Mikroskope oder erstellte eigene Herbarien, sondern liess auch von seinem Schüler, dem Kunstgießer und Modelleur Karl Blossfeld (1864-1932), Pflanzenmodelle und Fotografien von stark vergrößerten Pflanzenformen herstellen. Meurer verlegte zahlreiche Publikationen zu seinem Ansatz im Verlag Gerhard Kühtmanns in Dresden und präsentierte seine Arbeiten ebenso öffentlich. Die Ausstellung "Die Pflanze in ihrer dekorativen Verwertung", die 1903 am Kunstgewerbemuseum Leipzig stattfand, bot eine Gesamtschau auf das große Phänomen, in der auch Meurers Arbeiten zu sehen waren. Keineswegs unumstritten wuchs Meurers zeitgenössische Anerkennung dennoch: Peter Berehns (1868-1940), Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule und herausragender Architekt sowie Designer, schickte sein Lehrpersonal zur Unterweisung zu Meurer nach Rom. Von der internationalen Vernetzung Meurers zeugt etwa auch die Bekanntschaft zum ägyptenaffinen Botaniker Georg Schweinfurth (1836-1925), mit dem er speziell über ägyptische Pflanzenmotive korrespondierte. Erst mit der Gründung des Deutschen Werkbundes 1907 und einer neuen Auffassung von einer „Form ohne Ornament“ begann Meurers Bedeutung für das Kunstgewerbe zu sinken.

Kooperationspartner

Langfristiges Ziel ist die Kooperation mit einschlägigen Partnern zur Aufarbeitung und Ausstellung des umfassenden Nachlasses. Wichtige Partner sind bereits jetzt das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das über weitere Meurer-Objekte sowie die Meurer-Bronzen verfügt. Zusammen mit dem Ägyptischen Museum der Universität Leipzig und dem Studenten Karl Pietrek konnten seit 2021 rund 250 Fotografien Meurers mit Ägyptenbezug inhaltlich aufgearbeitet werden. Ein Teil des Nachlasses fließt außerdem in die Dissertation der Kunsthistorikerin Angela Nikolai, die sich insbesondere mit dem Lehrkonzept Meurers befasst. 

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